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Marburger Neue Zeitung vom 3.11.2005:

Mehr Farbe, weniger Verkehr

Kirchhainer Kinder auf der Suche nach idealen Spielräumen in der Stadt

Kirchhain (sol). Wenn Kinder das Gesicht Kirchhains bestimmen könnten, dann gäbe es in der Stadt mehr Grün, breitere Bürgersteige und der Annapark würde um die Wohra als Spielort erweitert. Das ist das Ergebnis eines Spielraum-Forschungsprojektes, das in den vergangenen Wochen auf Initative des Jugendund Kulturzentrus (JuKuZ) stattfand. Die Ergebnisse wurden am Dienstagabend präsentiert.

Die Verbindung von Spielen und Lernen stand im Mittelpunkt im JuKuZ der Stadt Kirchhain, das zur Ergebnispräsentation von zwei Aktionen im Herbst für Kinder und Jugendliche eingeladen hatte. Neben der traditionellen Ferienwoche mit 25 Kindern gab es seit September zwei besondere Angebote: das Spielraumforscherprojekt von „Ludus" für die Jüngeren und das Filmprojekt „Stadtdetektive" für die Älteren.

Für das Spielraumforscherprojekt trafen sich seit der Burgwaldmesse am 17. und 18. September die sieben- bis zwölfjährigen Kinder einmal in der Woche, um Spiele und Spielorte in der Stadt zu entdecken, auszuprobieren und zu bewerten. Herausgekommen ist ein gebastelter Kinderstadtplan, auf dem die Teilnehmer Gefahrenpunkte, Spielplätze und andere Orte mit Schildern und Symbolen moniert und festgehalten haben.

Mit der Unterstützung vom JuKuZ und der tatkräftigen Mithilfe von drei Praktikanten durchwanderte Karen Ueckert vom Projekt „Ludus" mit den Kindern die Stadt Kirchhain und suchte nach geeigneten und ungeeigneten Orten zum Spielen. Auf Tonbandaufnahmen, die im Annapark und auf dem Gelände der Grundschule entstanden sind, schildern die Kinder ihre Eindrücke und Erlebnisse auf den verschiedenen Spielplätzen.

Neben dem Stadtplan haben die Kinder ihre Ideen für eine Traumstadt gebastelt mit unterirdisch verlaufenden Straßen, bunten Häusern und vielen Kletterbäumen; sie wünschen sich mehr Farbe in der Stadt, Verkehrsreduzierung und langsamer fahrende Autos.

Kinder wünschen sich die Erweiterung des Annaparks bis zur Wohra

Karen Ueckert sieht das Spielen als Grundlage des Lernens und möchte mit dem Projekt die Lust am Spielen fördern. Während der Ergebnispräsentation am Dienstag waren dann auch die anwesenden Eltern und Gäste gefragt, ihre Wünsche für Kirchhain 2005 zu formulieren, und das Ergebnis deckt sich erstaunlich eng mit den Wünschen der Kinder und Jugendlichen: mehr Grün, breite Bürgersteige, eine kinderfreundlichere Stadt und der Ausbau verkehrsberuhigter Zonen ergänzen sich mit spezielleren Ideen zur Integration der Wohra in den Annapark, die Ausweitung der Fußgängerzone oder einem Schwimm- und Freizeitbad. Im Anschluss an die Präsentation des Spielraumforschungsprojekts zeigt Jörg Rosenkötter den Film, den er mit den älteren Kindern in der ersten Herbstferienwoche in Kooperation mit dem JuKuZ und der Förderung der Landesanstalt für Privaten Rundfunk (LPR) Hessen gedreht hat. „Die Kinder sollten lernen, wie ein Film entsteht und wie manipulativ Filme sein könneu"", erklärte Rosenkötter den Anwesenden.

In einer kurzen Geschichte agierten die Kinder als Schauspieler und thematisierten die Problematik von Gewalt. Außerdem haben sie mehrere Erwachsene über Kinder interviewt und selbst über ihr Verhältnis zu Erwachsenen berichtet.

Oberhessische Presse vom 3.11.2005  -  von Tobias Hirsch

Für die Kinder ist Stadt Kirchhain “zu grau”

Bespielbarkeit erkundet, „Kinderspielstadtplan" erstellt, Ergebnisse an Bürgermeister weitergeleitet

Kirchhain. Erschütterndes Urteil für Kirchhain: „Die Stadt ist grau." Aus Anlass des Spielraumforscherprojekts „Ludus" erkundeten Kinder die Kernstadt und stellten jetzt die Ergebnisse vor.

Ungesicherte Bahngleise, Baustellen und Gerüste, verdreckte Spielplätze, langweilige Klettergeräte, zuviel Autoverkehr und eine triste Innenstadt: So urteilten am Dienstagabend 13 Kinder über Kirchhain. Während des Spielraumforscherprojekts „Ludus" erkundeten die Kinder während der Herbstferienspiele des Kirchhainer Jugend- und Kulturzentrums (Jukuz) die „Bespielbarkeit" ihrer Heimatstadt und stellten die Daten in einem „Kinderspielstadtplan" zusammen.

Diese Bestandsaufnahme präsentierte Karin Ükert, Mitarbeiterin der Sozialistischen Jugend Deutschlands „die Falken", Politikern und interessierten Eltern. „Unser Ziel ist es, die Lust der Kinder am Spielen in ihrer Umwelt wieder zu erwecken und sie dafür zu sensibilisieren, kritisch zu betrachten, was sie umgibt", erklärte Ükert den rund 20 Besuchern. Während der Nachmittage, an denen die Kinder an verschiedenen Orten in Kirchhain zusammen spielten, dokumentierten die jungen Forscher ihre Ergebnisse mit Fotos und Interviews. Zentrale Fragen dabei waren: Welche Orte in Kirchhain sind für Kinder gefährlich zum Spielen? Welche Orte sind ungefährlich? Wo dürfen Kinder spielen und wo nicht? Und wie ist der Zustand von vorhandenen Spielstätten?

Die Kinder bemängelten den Straßenverkehr und die zu schnell fahrenden Autos in Kirchhain. Sogar in der Straße vor dem Jukuz, in der eine Höchstgeschwindigkeit von 30 Kilometern vorgeschrieben ist, rasten die Autos immer durch. Weiterhin sei die Innenstadt „zu grau". Die Kinder wünschen sich mehr Bäume und buntere Häuser.

Auch eine „übertriebene Fürsorge" in Sachen Spielplatzgestaltung monierten die jungen Forscher. Abgesehen davon, dass sich viele Spielplätze in Kirchhain in einem desolaten Zustand befänden, sei die Ausstattung der intakten Spielplätze in der Bewertung eher „naja". „Wir brauchen keine teuren Spielgeräte", sagte ein Junge und holte mit seinen Forscherkollegen einen Autoreifen, ein Fass, einige Kisten und ein Rohr aus einem Nachbarraum. Ein Spielplatz mit solchen Utensilien und einer großen Anzahl von Kletterbäumen sei nicht nur ausreichend, sondern auch wünschenswert.

Auf einem Stadtplan markierten die Kinder mit verschiedenen Symbolen die „Bespielbarkeit" verschiedener Flächen sowie Gefahrenschwerpunkte. Auch Orte, die von Kindern derzeit als Spielfläche genutzt werden, wurden gekennzeichnet.

Bedauernswert waren die Ergebnisse einiger mit erwachsenen Passanten geführten Interviews. Auf die Frage, wo die Kinder am besten spielen könnten, hatten viele nur den AnnaPark zur Antwort. Ein älterer Passant auf den Tonbandaufnahmen war sogar der Meinung, dass Kinder ausschließlich auf den „von der Stadt dafür bereitgestellten Spielplätzen" zu verweilen hätten. Während eines Selbstversuchs spielten die Kinder auch nach vorheriger Absprache mit Passanten inmitten der Fußgängerzone. „Zunächst hatte keiner etwas dagegen. Als die Spiele etwas lauter wurden, empfanden das einige schließlich doch als störend und unerhört", sagte Ükert.

„Nehmen sie die Informationen, die die Kinder erarbeitet haben, mit in ihre Verwaltung", bat Stadtjugendpfleger Bernhard Fuchs Bürgermeister Jochen Kirchner. „Das soll keine böse Kritik sein", sagte Ükert. Man habe nur Fehler aufdecken wollen. Außer den städtischen Spielplätzen und den öffentlichen Flächen befanden sich die Kritikpunkte nicht im Zuständigkeitsbereich der Stadt. Dazu zählten die Schulhöfe, die mit der Bewertung „naja" und „dieser Spielort ist doof", beurteilt wurden. Das Fazit der Spielraumforscher: „Kinder sollen in den Alltag zurückgeholt, und nicht in Nischen verdrängt werden."

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