|
Oberhessische Presse vom 3.11.2005 - von Tobias Hirsch
Für die Kinder ist Stadt Kirchhain “zu grau”
Bespielbarkeit erkundet, „Kinderspielstadtplan" erstellt, Ergebnisse an Bürgermeister weitergeleitet
Kirchhain. Erschütterndes Urteil für Kirchhain: „Die Stadt ist grau." Aus Anlass des Spielraumforscherprojekts „Ludus" erkundeten Kinder die Kernstadt und stellten jetzt die Ergebnisse vor.
Ungesicherte Bahngleise, Baustellen und Gerüste, verdreckte Spielplätze, langweilige Klettergeräte, zuviel Autoverkehr und eine triste Innenstadt: So urteilten am Dienstagabend 13 Kinder über Kirchhain. Während des Spielraumforscherprojekts „Ludus" erkundeten die Kinder während der Herbstferienspiele des Kirchhainer Jugend- und Kulturzentrums (Jukuz) die „Bespielbarkeit" ihrer Heimatstadt und stellten die Daten in einem „Kinderspielstadtplan" zusammen.
Diese Bestandsaufnahme präsentierte Karin Ükert, Mitarbeiterin der Sozialistischen Jugend Deutschlands „die Falken", Politikern und interessierten Eltern. „Unser Ziel ist es, die Lust der Kinder am Spielen in ihrer Umwelt wieder zu erwecken und sie dafür zu sensibilisieren, kritisch zu betrachten, was sie umgibt", erklärte Ükert den rund 20 Besuchern. Während der Nachmittage, an denen die Kinder an verschiedenen Orten in Kirchhain zusammen spielten, dokumentierten die jungen Forscher ihre Ergebnisse mit Fotos und Interviews. Zentrale Fragen dabei waren: Welche Orte in Kirchhain sind für Kinder gefährlich zum Spielen? Welche Orte sind ungefährlich? Wo dürfen Kinder spielen und wo nicht? Und wie ist der Zustand von vorhandenen Spielstätten?
Die Kinder bemängelten den Straßenverkehr und die zu schnell fahrenden Autos in Kirchhain. Sogar in der Straße vor dem Jukuz, in der eine Höchstgeschwindigkeit von 30 Kilometern vorgeschrieben ist, rasten die Autos immer durch. Weiterhin sei die Innenstadt „zu grau". Die Kinder wünschen sich mehr Bäume und buntere Häuser.
Auch eine „übertriebene Fürsorge" in Sachen Spielplatzgestaltung monierten die jungen Forscher. Abgesehen davon, dass sich viele Spielplätze in Kirchhain in einem desolaten Zustand befänden, sei die Ausstattung der intakten Spielplätze in der Bewertung eher „naja". „Wir brauchen keine teuren Spielgeräte", sagte ein Junge und holte mit seinen Forscherkollegen einen Autoreifen, ein Fass, einige Kisten und ein Rohr aus einem Nachbarraum. Ein Spielplatz mit solchen Utensilien und einer großen Anzahl von Kletterbäumen sei nicht nur ausreichend, sondern auch wünschenswert.
Auf einem Stadtplan markierten die Kinder mit verschiedenen Symbolen die „Bespielbarkeit" verschiedener Flächen sowie Gefahrenschwerpunkte. Auch Orte, die von Kindern derzeit als Spielfläche genutzt werden, wurden gekennzeichnet.
Bedauernswert waren die Ergebnisse einiger mit erwachsenen Passanten geführten Interviews. Auf die Frage, wo die Kinder am besten spielen könnten, hatten viele nur den AnnaPark zur Antwort. Ein älterer Passant auf den Tonbandaufnahmen war sogar der Meinung, dass Kinder ausschließlich auf den „von der Stadt dafür bereitgestellten Spielplätzen" zu verweilen hätten. Während eines Selbstversuchs spielten die Kinder auch nach vorheriger Absprache mit Passanten inmitten der Fußgängerzone. „Zunächst hatte keiner etwas dagegen. Als die Spiele etwas lauter wurden, empfanden das einige schließlich doch als störend und unerhört", sagte Ükert.
„Nehmen sie die Informationen, die die Kinder erarbeitet haben, mit in ihre Verwaltung", bat Stadtjugendpfleger Bernhard Fuchs Bürgermeister Jochen Kirchner. „Das soll keine böse Kritik sein", sagte Ükert. Man habe nur Fehler aufdecken wollen. Außer den städtischen Spielplätzen und den öffentlichen Flächen befanden sich die Kritikpunkte nicht im Zuständigkeitsbereich der Stadt. Dazu zählten die Schulhöfe, die mit der Bewertung „naja" und „dieser Spielort ist doof", beurteilt wurden. Das Fazit der Spielraumforscher: „Kinder sollen in den Alltag zurückgeholt, und nicht in Nischen verdrängt werden."
|